Wir brauchen mehr Zivilcourage

nnz-online.de:
Gestern kamen Vertreter von Polizei und Ordnungsamt mit einigen Nordhäuser Gastronomen und Veranstaltern zusammen, um über Sicherheit im Nordhäuser Nachtleben zu sprechen. Die Beurteilung der Lage viel dabei recht unterschiedlich aus…

Sie machen einen martialischen Eindruck: ausgerüstet mit Protektoren, Stichschutzwesten und Pfefferspray hat sich das Security-Personal vor dem Tor der Musikkneipe „Destille“ auf den Abend eingerichtet. Sie sollen für Sicherheit sorgen. Die ankommenden Gäste werden kontrolliert und wer offensichtlich Ärger sucht, der wird gar nicht erst hineingelassen.

Nach Pöbeleien und gewalttätigen Übergriffen in den vergangenen Wochen und Monaten ist der Betreiber der „Destille“, Stefan Wehner, zu der Überzeugung gelangt, dass der Einsatz des Sicherheitspersonals unumgänglich ist, um seine Gäste zu schützen. Und nicht nur die „Destille“, auch andere Kneipen wie etwa das „Schabernack“ oder das „Clubhaus“ klagen über die Bedrohung durch gewaltbereite Elemente in Nordhausen.

Um die Situation genauer zu erörtern und gemeinsame Lösungsansätze zu finden, trafen sich gestern Vertreter des Ordnungsamtes und der Polizei mit den betroffenen Kneipenbesitzern in den Räumlichkeiten der „Destille“.

Es zeigte sich das im Hinblick auf die Problematik zwei Sichtweisen existieren. Zum einen eine „subjektive“. Die Gastronomen fürchten schlicht um ihre Existenz. Stefan Wehner etwa weiß von seinen Gästen und aus seinem Umfeld zu berichten, dass sich viele Nachtschwärmer am Wochenende nicht mehr auf die Straße trauen, weil sie fürchten, Opfer gewalttätiger Übergriffe zu werden. Die Konsequenz: nicht nur belasten die Kosten für das Sicherheitspersonal die Gaststättenbetreiber, es bleiben auch die Gäste weg. Wenn es in den Kneipen selbst, oder in ihrem Umfeld, immer wieder zu Auseinandersetzungen kommt, dann spricht sich das schnell herum. Das Nordhäuser Nachtleben wird gelähmt, so der Eindruck der Gastronomen.

Besonders ein Name fällt im Gespräch immer wieder: „NDH-City“. Die Gruppierung besteht aus etwa 50 tendenziell gewaltbereiten Personen, die seit mehreren Jahren immer wieder durch diverse Straftaten in das Visier der Behörden geraten sind. Die Ursprünge der Gruppe finden sich in der Hooligan-Szene, und erste Aufmerksamkeit erregten sie durch rassistische Pöbeleien und Gewalttaten am Rande diverser Fußballspiele des FSV Wacker 90 Nordhausen.

Staatsanwaltschaft und Polizei beschäftigen sich mittlerweile mit rund 100 Verfahren. Die Straftatbestände reichen unter anderem von Beleidigung und Nötigung über Hausfriedensbruch, Körperverletzung und gefährlicher Körperverletzung bis hin zu versuchtem Totschlag und Verstoß gegen das Waffengesetz. Ein Teil der Gruppierung, vor allem der harte Kern der Truppe, also zwischen 15 und 20 Personen, werden vom Thüringer Innenministerium außerdem der radikalen rechten Szene zugeordnet. 30 weitere Mitglieder von „NDH-City“, die zwischen 16 und 30 Jahre alt sein sollen, werden in Nordhausen vor allem als gewaltbereite Mitläufer eingeschätzt. Gerade die Mitglieder von „NDH-City“ haben die Kneipenbetreiber als ernstzunehmende Gefahrenquelle ausgemacht.

Und hier kommt die zweite Sichtweise, die von Polizei und Ordnungsamt, ins Spiel. Die „objektive“ Betrachtungsweise macht der neue Chef der Nordhäuser Polizeiinspektion, Ronny Groos, an konkreten Zahlen fest. Laut den Erkenntnissen der Nordhäuser Beamten ist „NDH-City zuletzt nur noch vereinzelt in Aktion getreten“, betonte Groos. Er fügte an, dass man nicht verallgemeinern dürfe und schloss nicht aus, dass auch andere Gruppierungen oder Einzelpersonen zu Gewalt neigen, gerade auch dann wenn Alkohol im Spiel ist. Die reinen Zahlen, das „Hellfeld“, also die Summe der Polizeieinsätze und der eingegangenen Anzeigen, zeigen laut Groos ein anderes, ein objektiveres und weniger dramatisches Bild der Lage in Nordhausen.

Dem stellte Roland Meixelsberger von der mobilen Beratung (MOBIT) entgegen, dass viele Straftaten gar nicht erst zur Anzeige gebracht würden oder auch nur die Polizei gerufen werde und die Dunkelziffer dementsprechend höher liege.

Polizei und Ordnungsamt betonten gegenüber den Gaststättenbetreibern, dass sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten aktiv sind und auch bleiben werden. Die Polizeibeamten wie auch die Mitarbeiter des Ordnungsamtes zeigen seit einiger Zeit verstärkte Präsenz in den einschlägig betroffenen Gebieten, also etwa in der Grimmelallee oder der Promenade, und fahren vermehrt Streife. Die Polizei kann schon allein der Rechtsstaatlichkeit wegen erst aktiv werden und Ermittlungen einleiten, wenn Straftaten begangen wurden, beziehungsweise diese verhindern und brenzlige Situationen entschärfen, so die Beamten denn rechtzeitig gerufen werden.

Das Ordnungsamt kann im Vorfeld von Veranstaltungen und Konzerten verstärkt Alkoholmissbrauch durch Jugendliche kontrollieren und Präsenz zeigen. „Uns sind aber die Hände gebunden, wenn Straftaten ins Spiel kommen“, sagte Ordnungsamtschef Holger Wengler. Im Umgang mit gewaltbereiten Personen riet er den Gastronomen zu Haus- und Platzverboten, die in einigen Lokalen , siehe „Destille“ und „Clubhaus“, auch schon angewendet werden.

Beide Betrachtungsweisen, die „subjektive“ der Kneipenbetreiber, die auf eigenen Eindrücken und Aussagen von Gästen und Nordhäuser Bürgern beruht, wie auch die „objektive“ Einschätzung der Ordnungsbehörden, die sich auf die ihnen vorliegenden Zahlen stützt, verdienen Beachtung. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich, wie so oft, in der Mitte. Das es im Nordhäuser Nachtleben immer wieder zu verbalen wie auch physischen Attacken kommt, ist ein Fakt. Ebenso Fakt ist, das es sich bei den gewaltbereiten Elementen nicht einfach nur um betrunkene Jugendliche handelt, sondern zum Teil um Personen, die gezielt nach Konfrontation suchen und auch ohne provoziert worden zu sein, zuschlagen.

Alkohol ist auch hier im Spiel, aber meist lediglich als Katalysator grundsätzlich aggressiven Verhaltens und nicht als einzige Ursache. Die Möglichkeit Opfer von Gewalt zu werden besteht, die Situation ist aber weniger gravierend als die subjektiven Eindrücke, oder auch Zeitungsartikel, vermuten lassen. Außer Frage steht, dass man sich dem Problem stellen muss.

Einfache und schnelle Lösungen wird es nicht geben. Die Gastronomen und die Ordnungsbehörden sind gestern in einem ersten Schritt übereingekommen, dass die gegenseitige Kommunikation besser und kürzer, bzw. schneller werden muss. Durch einfacheren Informationsaustausch zwischen den einzelnen Kneipen und den Behörden sollen Ordnungsamt und Polizei rascher reagieren können, so sich denn Ärger anbahnen sollte. So könnten potentiell gefährliche Situationen schon im Vorfeld entschärft werden. Dazu braucht es aber nicht nur das Engagement der betroffenen Kneipen, sondern auch der Aufmerksamkeit der Partygänger und der einfachen Bürger.

Man war sich einig: Nordhausen braucht mehr Zivilcourage. Wären mehr Betroffene bereit, die Polizei oder das Ordnungsamt zu kontaktieren oder Anzeige zu erstatten, so könnte die Polizei die Lage genauer einschätzen, mehr Straftaten verfolgen und etwaige Gewalttäter der Justiz zuführen und damit aus dem Verkehr ziehen. Ordnungsamtsleiter Wengler machte auch noch einmal auf die Möglichkeit aufmerksam, den Nordhäuser City-Ruf zu kontaktieren, sollte man Zeuge einer Straftat werden, brenzlige Situationen beobachten oder verdächtige Personengruppen bemerken. Der City Ruf ist unter der Telefonnummer 696115 rund um die Uhr erreichbar. Auch die Kneipenbesitzer wollen ihre Gäste auf diese Möglichkeit aufmerksam machen und Flyer auslegen.

Die Gastronomen sehen außerdem die Stadtverwaltung wie auch die örtlichen Medien in der Pflicht, über die Vorgänge in Nordhausen aufzuklären und ein Zivilgesellschaftliches Engagement zu fördern und zu unterstützen. Das die Ordnungsbehörden das Problem eindämmen und für sichere Straßen sorgen, kann nur Teil der Lösung sein. Eine Möglichkeit, die gestern in Erwägung gezogen wurde, wäre ein präventiver Rat wie es ihn in vielen Städten Thüringens bereits gibt. Ein solcher Rat würde alle Beteiligten, also Polizei, Ordnungsamt, Stadtverwaltung und die Zivilgesellschaft, wie etwa die Kneipenbesitzer oder auch engagierte Einzelpersonen, Vereine und Institutionen, regelmäßig an einen Tisch bringen, um Informationen auszutauschen und über koordinierte Herangehensweisen beraten.

Ob man nun der „subjektiven“ oder der „objektiven“ Lageeinschätzung mehr Gewicht verleihen will sei an dieser Stelle einmal dahingestellt. Es kann und darf nicht sein, dass gewaltbereiten und teils rechtsextremen Gruppierungen, wie zum Beispiel „NDH-City“, der öffentliche Raum überlassen wird, indem man Straßen, Plätze oder auch Kneipen am Wochenende kategorisch meidet. Es braucht Aufklärung, zivilgesellschaftliches Engagement und die Präsenz der Behörden, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken.

Ein erster Schritt in diese Richtung wurde gestern getan, aber weitere sollten Folgen. Das Zurückdrängen gewalttätiger und extremistischer Elemente im öffentlichen Raum kann nicht allein Aufgabe der Betroffenen oder der Ordnungsbehörden sein, sondern betrifft jeden Bürger, Nachtschwärmer oder nicht.

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