Nordhausen und das Gedenken der Bombardierung von 1945

Jedes Jahr finden Gedenkveranstaltungen anlässlich der Bombardierung deutscher Städte im zweiten Weltkrieg statt, so auch immer um den 3./4. April in Nordhausen.

Ein Beitrag von Madlen Warskow und Thomas Rupfahl für ART.NordThüringen

Der 3. April 2010 in Nordhausen, 65 Jahre nach der Niederschlagung des NS-Regimes, VertreterInnen der Stadt Nordhausen, des Landkreis Nordhausen, der demokratischen Parteien, des sozialen Vereinslebens sowie BürgerInnen und Bürger gedenken der Bombardierung der Stadt Nordhausen am 3./4. April 1945.

In den halbrunden [1] Kreis um die Gedenkstele auf dem Rathausplatz haben sich auch ca. 20 Personen aus der extrem rechten Szene Nordhausens gesellt. NPD-Vertreter des Stadtrates und des Kreistags, weitere NPD-Mitglieder und Personen im Outfit der Autonomen Nationalisten sind erschienen, der harte Kern der Szene. Sie stehen in der vorderen Reihe, teils grinsend, teils mit offensichtlich von Stolz geschwellter Brust und in Andacht der Toten, welcher gedacht wird.

Ein Aufschrei der Entrüstung, Fehlanzeige. Widerstand gegen die Vereinnahmung des Gedenkens, Fehlanzeige. – Die extreme Rechte ist längst in Nordhausen angekommen, Partei freie- und Parteistrukturen haben sich etabliert und die gruppenbezogenen menschenfeindlichen Ein- stellungen sind auch hier weit verbreitet, seit Jahren. NPD-Stadtrat Marco Kreutzer und Alexander Lindemann, jahrelanger freier Aktivist, legen einen Kranz nieder, verharren in einer Schweigeminute.[2] Der Kranz liegt direkt neben den der jüdischen Gemeinde, in erster Reihe, für alle deutlich sichtbar.[3]

Bei dem Thema »Gedenken« lassen sich Schnittstellen zwischen sogenannter gesellschaftlicher Mitte und extremer Rechten erkennen, welche Studien der letzten Jahre immer wieder eindrucksvoll belegen. Sie zeigen die weit verbreiteten gruppenbezogenen menschen-feindlichen Einstellungen vom Rand zur Mitte auf und verdeutlichen sie. Da reiht sich die positive Bezugnahme auf die deutsche, und im besonderen die der Nordhäuser, Zivilbevölkerung im Nationalsozialismus, also ihre Darstellung als »Opfer«, nahtlos ein.
Solch eine Darstellung verschwiegt allerdings und notwendigerweise den breiten Konsens innerhalb der »Volksgemeinschaft«, der die national-sozialistischen Verbrechen erst möglich machte.

In der Regel werden die Schnittstellen mit der extremen Rechten verkannt bzw. ignoriert und es wird versucht die eigene Gedenkkultur als die wahrhafte darzustellen. So auch in Nordhausen.
Hier wird allein schon durch die Politik, meist in Vertretung durch die Oberbürgermeisterin B. Rinke oder den Bürgermeister M. Jendricke, in der jährlich gehaltenen, leicht umgeschriebenen aber in ihrem Grundsatz gleich bleibenden, Rede, der Nordhäuser als das eigentliche Opfer dargestellt. Immer wieder heißt es, die anderen waren Schuld, in Nordhausen habe niemand diesen Krieg gewollt. – Die eigentlichen Täter und Verantwortlichen, die Profiteure und Zuschauer, die moralischen Stützen und Stabilisatoren NS-Deutschlands, also die »unschuldige« Zivilbevölkerung, die allgemeinen Deutschen, werden somit wahlweise als Opfer des Bombardements oder des NS-Staates selbst umgedeutet – ein guter Anknüpfungspunkt für die extreme Rechte. Das die »unschuldige« Zivilbevölkerung dabei der Ausgangspunkt sowohl des Krieges, als auch der Verfolgung und Ermordung all derer war, die sie aus ihrer exklusiven Gemeinschaft ausschlossen, wird von beiden Seiten ignoriert. Wenn, dann unterscheiden sich die Äußerungen nur in ihrer Radikalität, sind aber im Sinn gleich. Und so wurde es über die Jahre hinweg nicht geschafft, sich von den Nazis zu distanzierten. Sie wurden toleriert und hatten und bekommen somit eine Plattform für ihre menschenverachtende Ideologie.

Da jedes kollektive Gedenken an die Gesamtheit der Deutschen als Opfer des Zweiten Weltkrieges oder – je nach Argumentation – des Nationalsozialismus notwendiger Weise die deutsche Beteiligung am Weltkrieg und Massenvernichtung herab relativiert, darf eine Kritik an diesen Zuständen nicht fehlen. – Diese Veranstaltungen verharmlosen die Mittäterschaft der deutschen Bevölkerung an den Verbrechen des NS-Regimes und führen eine Umwandlung von deutschen TäterInnen zu Opfern durch.
Die Verdrehung und Außerachtlassung von geschichtlichen Tatsachen muss beendet werden und eine detaillierte Ursachenforschung stattfinden, welche anhand der Existenz des KZ-Lagers Mittelbau-Dora, der Bölke-Kaserne und den kleineren Lagern rund um Nordhausen die Gründe der Bombardierung klärt. Ebenso, wie eine Zahl von 8.800 »Opfern« für Nordhausen zustande kommt, welche aber keiner wissenschaftlichen Expertise entstammt.

Das jährlich stattfindende Gedenken aber verhindert einen Prozess, welcher die Beteiligung der Nordhäuser Zivilbevölkerung an den nationalsozialistischen Verbrechen zum Inhalt hat und somit einer kritischen Reflexion entgegen läuft. Der sich daraus ergebende deutsche Opfermythos ist so nicht hinzunehmen! Die derartig beschriebene Trauer um »unschuldige Opfer« ist geschichtsrevisionistisch! – Darum – GEGEN GESCHICHTSREVISIONISMUS UND UMDEUTUNGSVERSUCHE! DEUTSCHE TÄTER SIND KEINE OPFER! AUCH NICHT IN NORDHAUSEN!

der Beitrag als pdf-Datei

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter »Freie Kräfte«, Diskurs, NPD Nordhausen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Nordhausen und das Gedenken der Bombardierung von 1945

  1. Pingback: Nachtrag: Nordhausen und das Gedenken der Bombardierung von 1945 | ART.NordThüringen

Kommentare sind geschlossen.