Schändung des Nordhäuser Ehrenfriedhof

In der Nacht vom 31. März 2011 zum 01. April 2011 wurde der Nordhäuser Ehrenfriedhof mit antisemitischen Parolen und NS-verherrlichenden Symbolen geschändet. Mittlerweile sind die Schmierereien entfernt und die Polizei ermittelt.

Diese Tat kann, wie so viele andere auch, nur im Kontext mit den bestehenden extrem rechten Strukturen und dem vorhandensein eines verbreiteten Antisemitismus, welcher auch in Nordhausen weit in die »Mitte der Gesellschaft« reicht, betrachtet werden. Doch solche Verlautbarungen wird es aus der politischen »Mitte« Nordhausens nicht geben. Denn es fehlt allein schon an einem geeigneten Umgang mit den NPD-Kadern im Stadtrat wie im Kreistag, wie zu der Teilnahme extrem rechter Kader und Personen am jährlichen Gedenken der Bombardierung der Stadt Nordhausen von 1945.

Die nnz-online veröffentlichte bereits am frühen Vormittag erste Fotos. Mittlerweile liegt eine Presseerklärung der KZ Gedenkstätte Mittelbau-Dora und der Oberbürgermeisterin Frau Rinke vor. Ebenso haben die Kollegen Kai Budler und Benjamin Mayer einen Artikel für den Zeit-Blog »Störungsmelder« verfasst. Sie thematisieren die Schändung und rücken diese in einen Kontext zu anderen Schändungen, dem vorhandensein extrem rechter Strukturen in Nordhausen und dem fehlenden Umgang der kommunalen Politik mit der extremen Rechten, anhand des Nordhäuser Bombengedenkens.

Wir dokumentieren an dieser Stelle den Artikel und stellen ihn im pdf-Format als Download zur Verfügung.

Gedenkstätte für KZ-Opfer in Nordhausen geschändet

In der Stadt Nordhausen in Nordthüringen erinnert ein Gedenkpavillon auf dem Ehrenfriedhof an die Menschen, die im nahe gelegenen Konzentrationslager Mittelbau Dora durch den nationalsozialistischen Terror zu Tode kamen. Kurz vor dem Gedenken zur Befreiung des KZ Mittelbau-Dora 1945 ist das Mahnmal in Nordhausen mit antisemitischen und extrem rechten Parolen beschmiert worden. Es ist nicht das erste Mal, dass der Gedenkpavillon geschändet wurde, auch in der Gedenkstätte selbst sind schon extrem rechte Schmierereien aufgetaucht.

Von Kai Budler und Benjamin Mayer

Mitte April finden die Gedenkfeierlichkeiten zur Befreiung des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora durch die amerikanischen Soldaten in der Nähe der thüringischen Stadt Nordhausen statt. Der Ort war eines der Lager, in das am Ende des Krieges tausende Häftlinge zur KZ-Zwangsarbeit verschleppt wurden und fast zwanzigtausend Menschen ihr Leben verloren. Auch in der Stadt Nordhausen finden sich heute die Spuren des ehemaligen Konzentrationslagers und der nationalsozialistischen Verbrechen In der Stadt befindet sich ein Ehrenfriedhof, auf dem mehr als 2.000 Opfer des nationalsozialistischen Terrors bestattet wurden. Darunter befinden sich tote Häftlinge aus dem zentralen Sterbelager des KZ-Mittelbau-Dora, der Boelcke-Kaserne, und Zwangsarbeiter aus der Region. An die Opfer erinnert auf dem Ehrenfriedhof ein Gedenkpavillon, der in der Nacht zum 1. April erneut mit antisemitischen Parolen beschmiert wurde. Großflächig haben bisher unbekannte Täter antisemitische Sprüche, Hakenkreuze und SS-Runen auf die Pavillonwände gesprüht. Der Tatzeitpunkt scheint bewusst gewählt zu sein, denn zum 66. Jahrestag der Befreiung des Lagers am 12. April reisen ehemalige Häftlinge aus verschiedenen Ländern zu den Feierlichkeiten an. Der aktuelle Vorfall ist nicht der erste dieser Art: bereits 2004 kam es direkt in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora zu extrem rechten Schmierereien, die die Würde des Ortes beschädigten. Auch der Ehrenfriedhof ist nicht das erste Mal mit antisemitischen Parolen beschädigt wurden. Bereits 2005 kam es hier zu einem ähnlichen Vorfall, als der Friedhof mit explizit antisemitischen Schmierereien geschändet worden war. Eine gezielte und politisch motivierte Tat kann mittlerweile nicht mehr ausgeschlossen werden.

Gemeinsames Gedenken mit Neonazis

Bereits seit einigen Jahren gibt es in Nordhausen eine militante Neonazi-Szene, die durch eine Vielzahl von Übergriffen auf Jugendliche bekannt ist. Zuletzt griffen Mitglieder dieser Szene sogar Polizeibeamte an und verletzten diese schwer. Hinzu kommt, dass bei den letzten Kommunalwahlen mehrere Vertreter der NPD den Sprung in den Stadtrat und den Kreistag Nordhausens geschafft haben. Dies zeigt, dass es seit Jahren eine verankerte rechtsextreme Szene in Nordhausen gibt, die massiv in der Öffentlichkeit auftritt. Eine notwendige Auseinandersetzung damit ist seitens der Stadt und dem Land Thüringen bislang ausgeblieben. In einer geminsamen Mitteilung der Stadt Nordhausen und derGedenkstätte Mittelbau-Dora heißt es am Freitag, dem 1. April: “Die Schändung zeigt einmal mehr, wie unverzichtbar es ist, sich den braunen Gedanken und Taten mit Nachdruck entgegen zu stellen und für eine offene, demokratische Gesellschaft einzutreten, die sich wachsam und kritisch mit der NS-Vergangenheit auseinandersetzt”. Die Praxis der Kommune wurde dieser Erklärung bisher kaum gerecht, statt dessen wird die Präsenz von Personen aus der extrem rechten Szene bei offiziellen Veranstaltungen geduldet wie beispielsweise im April 2010 bei der Gedenkfeier zur Bombardierung der Stadt Nordhausen. Dort legte u.a NPD-Stadtrat Marco Kreutzer einen Kranz direkt neben den der jüdischen Gemeinde nieder. Etwa 20 Personen aus der extrem rechten Szene Nordhausens haben sich zu ihm gesellt, sowohl NPD-Mitglieder als auch Personen im Outfit der Autonomen Nationalisten. Der harte Kern der extrem rechten Szene nimmt unwidersprochen an der Veranstaltung teil: in der vorderen Reihe, teils grinsend, teils mit offensichtlich von Stolz geschwellter Brust. Auf dem Ehrenfriedhof in Nordhausen sind am Freitagmittag die extrem rechten Schmierereien entfernt worden, die Ermittlungen laufen, teilt die Polizei mit. Eine heiße Spur gebe es allerdings noch nicht.

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