Von Diskursen über Opfer, Gedenken und extremen Rechten

Lea Stein für ART.NordThüringen

Viel wird momentan diskutiert in Nordhausen. Über Gedenken, über Opfer und über eine organisierte extrem rechte Szene. Die meisten scheinen sich kaum oder nie wirklich mit dem Thema beschäftigt zu haben und verstehen dabei kaum den Kern der Debatte. Anders ist es nicht zu erklären, dass ein Herr Koch von der FDP, ernsthaft die Frage stellt, ob es »bessere Opfer« gibt. Nein, die gibt es nicht, lieber Herr Koch, aber es gibt sehr wohl historische Kontexte, die als Erklärungen herangezogen werden müssen. Aber wenn man die Erklärung der Stadtratsfraktion der FDP [1] so liest, die es nicht mal geschafft hat, den Namen der »Boelcke-Kaserne« richtig zu schreiben, wundert man sich kaum über den völlig uninformierten Artikel des Herrn Koch. Und, nur als Information liebe Stadtratsfraktion der FDP, die meisten Wachmänner im KZ-Mittelbau-Dora waren Luftwaffen- und Wehrmachtssoldaten, keine »SS-Schergen«. Hier muss man der FDP wirklich empfehlen, mal ein Buch zur Hand zu nehmen und sich näher mit Erinnerungspolitik zu beschäftigen, bevor wieder eine Erklärung abgegeben wird. Vorher macht auch eine Diskussion keinen weiteren Sinn!

Umso mehr muss man Frau Rinkes Rede vom 3. April zum Gedenken an die Toten der Zerstörung Nordhausens loben, die sich in einer Stadt, die so fern von jeglicher Kenntnis der Erinnerungsdiskurse diskutiert, traut, die historischen Ursachen für die Zerstörung klar anzusprechen. Dies bedeutete Mut und ist in keiner Weise mit den empörenden Reden des Herrn Jendricke zu vergleichen.

Wie jedes Jahr standen auch diesmal wieder extrem Rechte bereit, um die Veranstaltung für sich als Bühne zu nutzen. Es ist eine Schmach für diese Veranstaltung, dass man extrem Rechte, deren geistige Vorgänger den Krieg vom Zaun gebrochen haben , dort ertragen muss. Teilweise mit Symbolen der NS-Zeit (z.B. schwarze Sonne) bestückt, was allein schon zeigt, welchen Ungeistes Kind die Anwesenden sind und wie viel Respekt diese Personen wirklich vor der Gedenkveranstaltung haben. Um sich diesem Personenkreis und damit dem revisionistischen Geschichtsbild entgegenzustellen, wagen es einige Nordhäuser Bürgerinnen und Bürger gegen deren Anwesenheit zu protestieren. Diesen Menschen gilt Dank für ihren Mut. Es waren keineswegs Angehörige der »Antifa«, wie einige Journalisten später berichten sollten.

Genau diese Berichterstattung ist eigentlich das Empörendste und man muss sich, besonders im Fall der Thüringer Allgemeinen, schon fragen, ob der/die Verfasser/in des Textes überhaupt ein Grundverständnis für diese politischen Geschehnisse hat. Hier ist also jeder und jede, der oder die sich gegen extrem Rechte einsetzt, gleich links oder gar linkradikal. Welch ein katastrophales Verständnis der Vorkommnisse. Hier bedarf es dringend einiger Lektüre, um einen Einblick in den politischen Bereich von Demokratie und Rechtsextremismus zu bekommen. Hier sind die Arbeiten von Jaschke oder die Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung zu empfehlen. Vielleicht ja im Lesekreis mit der Stadtratsfraktion der FDP. Für Demokratie und gegen menschenfeindliche Ideologie engagierte Menschen derart falsch darzustellen ist schon ein problematisches Vorgehen aus journalistischer Sicht.

[1] nnz-Artikel vom 05.04.2011: Auflistung

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