Freies Netz: Eine „NS-Ersatzorganisation“ schaffen

Ungehindert machen radikale „Freie Netz“-Anführer Karriere in der NPD. Anonym zugespielte interne Forumsbeiträge aus dem Innercircle offenbaren die langfristige Strategie der Beeinflussung durch die konspirative Kaderorganisation. Ihr Hauptansprechpartner: Holger Apfel. Am 06. November 2011 von Andrea Röpke bei »Blick nach Rechts« veröffentlicht.

NPD „und Neonazis“ – gern differenzieren die deutschen Verfassungsschutzbehörden in Berichten oder Vorträgen. Präventionsveranstaltungen staatlicher Stellen vermitteln den Anschein, Partei-Aktivisten seien in Punkto nationalsozialistischer Ideologie und radikaler Handlungsweisen harmloser als die Anhänger des bundesdeutschen Kameradschafts-spektrums.

Ungeachtet dessen, dass die NPD kaum einen Hehl aus ihrer Ablehnung von Demokratie und der Sympathie für eine homogene, rassistische „Volksgemeinschaft“ macht, kann die Strategie einer vermeintlich „seriösen Radikalität“ nicht darüber hinwegtäuschen, dass Neonazis aus den Reihen der Freien Kräfte längst maßgebliche Schaltstellen innerhalb der rechtsextremen Partei besetzt haben. Holger Apfel, aufstrebender Kandidat für den Parteivorsitz, Fraktionschef der NPD im Dresdner Landtag, ist umgeben von Führungskräften des „Freien Netzes“ (FN), einer seit Jahren äußerst konspirativ agierenden Informationsstruktur mit Schwerpunkten in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Teilen Bayerns.

Junge Nationaldemokraten längst gezielt unterwandert

Neonazis treiben die NPD voran. Neue Informationen aus dem Innercircle offenbaren Bestrebungen und Hintergründe. Aus den Medien zugespielten Beiträgen in einem internen Forum des völkisch-militanten „Freien Netzes“ in Sachsen geht eindeutig hervor, dass deren Anführer die NPD und ihre Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten längst gezielt unterwandert haben. Der NPD-Führung wird die Einflussnahme kaum entgangen sein. Die sächsische Rechtsextremismus-Expertin und Landtagsabgeordnete der Linken, Kerstin Köditz, ist sicher, dass die NPD diese Politik der Radikalisierung sogar wesentlich gefördert habe. So versuche der Dresdner Fraktionschef Holger Apfel nur nach außen hin, seiner Politik einen gemäßigten Anstrich zu geben.

Elitäres Gebaren, Aktionsdynamik, völkisches Brauchtum und der Traum vom Nationalsozialismus als moderner Weltanschauung kennzeichnen die Aktivitäten des „Freien Netzes“. Es finden territoriale Abgrenzungen zum subkulturellen rechten Skinheadmilieu, zu Hooligans und sogar zu den „Autonomen Nationalisten“ statt. Den vor allem regional aktiven Kameradschaftszirkeln sollen Attribute wie Kampfbereitschaft, Widerstand und soziales Engagement zur Verankerung in der Bevölkerung und zum Anwerben junger Mitstreiter verhelfen.


NPD als „Mittel zum Zweck im politischen Kampf“

Mitstreiter des „Freien Netzes“ kommen aus den Reihen von „Hammerskins“, völkischen Brauchtumskreisen oder direkt aus dem Kameradschaftsspektrum. Schulungsveranstaltungen, Vorträge, Fußballturniere oder strategische Zusammenkünfte werden geheim organisiert. Als Treffpunkt diente vor allem die feudale Immobilie des Vereins „Gedächtnisstätte“ in Borna, aber auch das NPD-Gelände in Leipzig-Lindenau. Allmählich weitet sich das Netzwerk über Hessen auch in den Westen aus.

Wenig bekannt ist, dass das „Freie Netz“ seit Jahren eine zweigleisige Strategie fährt. Einerseits gilt es, unabhängige radikale politische Gruppen zu stärken, andererseits die NPD als „pragmatisches Werkzeug“ zu benutzen. Den nun öffentlich gemachten internen Forumsbeiträgen zufolge lautete deren „Maxime“, dass die NPD „ausschließlich Mittel zum Zweck im politischen Kampf“ sei. Wortführer des „Freien Netzes“ wie Maik Scheffler, Tommy Naumann oder Marcus Großmann bekleiden nicht nur wichtige Parteiämter, sondern beteiligten sich auch sehr aktiv als Helfer an den Landtagswahlkämpfen 2011 in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Scheffler ist heute bezahlter Mitarbeiter der sächsischen NPD-Landtagsfraktion, Naumann leitet die Jungen Nationaldemokraten in Sachsen. In deren Reihen schlüpften auffällig viele völkische Hardliner unter.

Als Punks verkleidet Anwohner anpöbeln

Obwohl andere Wortführer des überregionalen Freien Netzes wie Thomas Gerlach aus Altenburg, Tony Gentsch aus Franken oder Ralf Wohlleben aus Thüringen diesen Ambitionen nicht unkritisch gegenüberstehen, gilt die schleichende Einflussnahme als gemeinsames Ziel. Von der NPD als „Mutterpartei“ der nationalistischen Bewegung wollten einige FN-Wortführer nichts wissen, die NPD sei lediglich „pragmatisches Werkzeug im politischen Kampf“. Ohnehin, so wurde frohlockt, sei der Landesvorstand der JN „komplett mit revolutionären Kräften besetzt“ und der „Landesführer“ ja auch „einer von uns“.

Untereinander tauschten sich die 21 Mitglieder eines internen Forumsbereiches des „Freien Netzes“ ungefiltert aus. Einer der sich „Hugo“ nennt, schreibt: „Wir haben überlegt, die Polizeiwache anzugreifen und abzufackeln“. Zynisch reagiert einer der wichtigsten Aktivisten: „Ohne einen abzustechen? Ist ja langweilig.“ Auch ist davon die Rede, Aktionen im Namen von sächsischen Antifa-Gruppen durchzuführen beziehungsweise ihnen in die Schuhe zu schieben. Aufkleber wie „Jeder Deutsche ist Nazi“ könnten verbreitet werden, die die Bevölkerung empören würden oder Nationalisten könnten als Punks verkleidet Anwohner anpöbeln. Mitmenschen wurden abfällig als „der dumme Michel“ bezeichnet.

„Unseren Nationalen Sozialismus etablieren“

Der Chefetage der sächsischen NPD können die Bemühungen aus dem Umfeld von Scheffler, Naumann und Co. nicht verborgen geblieben sein. Doch personelle Notstände im regionalen Wahlkampf machten ein Zurückgreifen auf diese Aktivisten für die Partei bitter nötig. Es fehlten allerorts Kandidaten für die Landtagswahl. Schnell machten einige der Freie Netz-Anführer Karriere, fanden auch bezahlte Posten innerhalb der Partei. Dabei blieb scheinbar ungeachtet, was nun öffentlich wird, dass das vorrangige Ziel des „Freien Netzes“ nach eigenen Angaben die Schaffung einer „NS-Ersatzorganisation“ ist.

Die Nähe zur NPD nutzt. Es sollten demnach nicht nur radikale Kandidaten auf den Parteilisten und radikale Programmatiken unter der „Marke NPD“ transportiert werden, sondern sie beabsichtigten spätestens seit 2009, „unseren Nationalen Sozialismus“ mit Hilfe der Partei in den „kleinsten Gemeinschaften des Volkes“, den Gemeinden, Städten und Landkreisen, zu „etablieren“. Ein Forums-User schreibt: „Denke, das beweist, dass der Weg eines modernen NS (= Nationalsozialismus; Red.) der richtige ist, und nicht etwa die „back to the roots“-Mentalität.“

Lästern über „Holgers Marionetten“

Die Partei spendet den radikalen Kameradschafts-Aktivisten dabei den legalen Anschein, den sie benötigen, um sich von rechten „Proll-Nazis“ und brutalen Hooligans zu distanzieren. Intern versicherten sich die Anführer des Freien Netzes 2009 immer wieder ihrer kritischen Distanz zur NPD, das geht aus den Foreneinträgen hervor. Viel wurde über Parteichef Udo Voigt und vor allem den aufstrebenden sächsischen Landeschef Holger Apfel diskutiert. Als Ziel galt, „den nötigen Druck“ auf die „Herrschaften“ von der Partei auszuüben. Abwertend wurde über die „Machtinteressen“ von NPD-„Politbonzen“ und über „Holgers Marionetten“ gelästert. Autor „Hugo“ kam sogar zu dem Fazit, die NPD sei „Instrument in der Hand von Karrieristen und Opportunisten“.

Wenig Einigkeit herrschte dagegen im Umgang mit den „Autonomen Nationalisten“, die vor allem in Leipzig immer stärker wurden. Ein kritischer FN-Anführer höhnte nach Ausfällen und Negativschlagzeilen: „Da hast du die Konsequenz für deinen inkonsequenten Klüngel mit dem autonomen Kindergarten“. Einer meinte gar: „Mit unserer Öffnung haben wir die Büchse der Pandora für die Bewegung ein Stück geöffnet“. Befürchtungen wurden auch dahingehend geäußert, dass das „nationale Zentrum“ in Leipzig-Lindenau zum „autonomen Abenteuerspielplatz“ mutieren könne. Dann sei es vorbei mit einem möglichen Anziehungspunkt für neue Interessenten und der Etablierung als Treffpunkt einer „alternativen Jugendkultur“, heißt es.

Auch dem Mythos Kameradschaft wurde intern Tribut gezollt. Heftig diskutierten die FN-Wortführer einen Überfall auf die eigenen Kameraden in Halle. Bei dem aggressiven Überfall ging es demnach um 150 Euro Schulden. Der führende User „Sibelius“ berichtete nebenher von einem der Netzwerk-Treffen in Borna. Dabei sei es unter anderem um das Tragen von Jeans gegangen.

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