Thüringen: Explosives braunes Milieu

Lange Jahre untergetauchte Bombenbastler aus Thüringen tot aufgefunden, ihre Komplizin stellte sich jetzt den Behörden – die drei Neonazis wurden früher dem Umfeld des „Thüringer Heimatschutzes“ zugerechnet, der sich 2009 dem Freien Netz angeschlossen hat. Am 08. November 2011 von Andrea Röpke und Maik Baumgärtner bei »Blick nach Rechts« veröffentlicht.

Sprengstoff pflastert ihren Weg. Jahrelang befand sich Beate Z. aus Jena auf der Flucht, weil sie gemeinsam mit zwei Kameraden aus dem Umfeld der ehemaligen Kameradschaft Jena 1996 und 1997 mindestens vier funktionsfähige Bomben gebastelt und bis zu 1,4 Kilo TNT gehortet haben soll. Die Polizeibehörden kamen den Rohrbombenbastlern auf die Spur. Als sie 1998 zugreifen wollten, hatten sich Beate Z. sowie Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt bereits abgesetzt. Sie wurden jahrelang erfolglos auch mit Fahndungsplakaten gesucht. Gerüchten zufolge hielten sie sich zumindest zeitweilig in Südosteuropa auf. 2003 wurden die Verfahren wegen Verjährung eingestellt – doch von den drei Neonazis fehlte jede Spur. Erst jetzt wurde bekannt, dass sie sich längst wieder in ihrer gewohnten Umgebung aufhielten.

Beate Z. stellte sich heute Nachmittag gemeinsam mit einem Anwalt den Behörden in Jena, nachdem sie von der Polizei erneut mit internationalem Haftbefehl gesucht worden war. Ihr Wohnhaus in der Frühlingsstraße im sächsischen Zwickau war vorsätzlich in die Luft gejagt worden. Z. soll sich vor der Explosion entfernt haben. In Zwickau war sie unter dem Namen Susann Dienelt oder auch Mandy Struck aufgetreten, wie die Polizei zuvor bekannt gab. Das Haus hatte die inzwischen 36-Jährige mit zwei Männern bewohnt. Bei ihnen dürfte es sich um Mundlos und Böhnhardt handeln.


Eine heiße Spur zum Polizistinnenmord in Heilbronn

Die beiden Männer wurden am vergangenen Freitag erschossen in einem brennenden Wohnmobil in Eisenach gefunden, nachdem sie vermutlich eine Bank ausgeraubt hatten. Eine direkte Spur führt die Fahnder nun zu einem spektakulären Mordfall nach Heilbronn. Vor vier Jahren wurde die aus Thüringen stammende 22-jährige Polizistin Michele Kiesewetter bei einem Einsatz von Unbekannten mit einem Kopfschuss getötet, ein Kollege schwer verletzt. Die beiden Waffen der Beamten wurden jetzt in dem ausgebrannten Wohnmobil in Eisenach entdeckt. Lange Zeit waren die Ermittler im Fall des Polizistinnenmordes einem weiblichen Phantom nachgejagt. Später rückten Islamisten ins Visier. Die heiße Spur führt jetzt scheinbar ins ostdeutsche Neonazi-Milieu.

Als Anfangzwanzigjährige besuchte Beate Z. Demonstrationen in Thüringen, berichten Augenzeugen. Auch Böhnhardt und Mundlos wurden dem Kameradschaftsumfeld und später dem „Thüringer Heimatschutz“ (THS) zugeordnet. Der Hamburger Verfassungsschutz benannte das Trio bnr.de-Recherchen zufolge 1997 als „Angehörige des THS“. Dieser NPD-nahen Struktur standen auch die führenden Jenaer Kader Ralf Wohlleben und Andre Kapke nahe. Dem damals als äußerst militant geltenden Kapke wurde sogar eine besondere Nähe zu den Dreien nachgesagt. Auch zur NPD bestanden Kontakte. Einer der führenden Köpfe der Thüringer NPD, Patrick Wieschke, wurde 2000 als Anstifter eines Sprengstoffanschlags auf einen türkischen Imbiss zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt.

Nach seinem Engagement innerhalb der NPD schloss sich die Kameradschaft um Ralf Wohlleben, bekannt als Betreiber des „Braunen Hauses“ in Jena, 2009 dem „Freien Netz“ an. Dieses fungiert als strategischer Überbau der Freien Kräfte in weiten Räumen von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Teilen von Bayern. Deren Hass auf Polizeibeamte wurde nicht zuletzt durch zugespielte geheime Einträge im internen Forum des Freien Netzes deutlich. Dort schrieb einer der Wortführer aus Altenburg im Februar 2009: „Wir haben uns überlegt, die Polizeiwache anzugreifen und abzufackeln!“ Ein Kamerad aus Sachsen antwortete: „Ohne einen abzustechen? Ist ja langweilig.“

Informationen zu der neonazistischen Szene in Jena – Hintergründe & Entwicklungen – gibt es bei der »JG-Stadtmitte«

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2 Antworten zu Thüringen: Explosives braunes Milieu

  1. Pingback: Neonazistische Mordserie zwischen 2000 und 2006 « Antifaschistische Linke Fürth (ALF)

  2. Martin Schneiwald schreibt:

    Das Problem ist doch, dass der thüringische Verfassungsschutz, aber auch andere offiziellen Stellen viel zu lange entweder weggesehen oder den ‚Thüringer Heimatschutz‘ nicht ernstgenommen bzw. mit Samthandschuhen angefasst hat. Kleines Beispiel: „In Thüringen hat der militante „Thüringer Heimatschutz“ seine „Zentrale“ in einem Stadtteil- und Jugendzentrum in Saalfeld. Bei einem „Anti-Antifa“-Aufmarsch am 14. März 1998 in Saalfeld begleiteten Sozialarbeiter ihre Klienten auf der neofaschistischen Demonstration.“ (Quelle: http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/126531.html) Das klingt doch richtig schön nach Kindergarten-Ausflug, bei dem die „wilden Jungs“ eben an der Hand genommen werden, wenn man an der Straße entlangspaziert, damit bloß nix passiert. Schade, dass die wahre Problematik unerkannt blieb oder schlichtweg nicht angepackt wurde.

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