Thüringen: Andre Kapke

Viel wird derzeit über extrem rechte Strukturen, Personen, Vernetzungen und Gewaltdelikte berichtet, JournalistInnen und unterschiedliche Medien und Institutionen fragen Informationen ab bzw. sind auf der Suche nach brauchbaren Hinweisen. Antifaschistische Initiativen, Personen und Rechercheteams durchforsten ihre Archive, denn diese sind es, die mitunter schon seit Jahren (und Jahrzehnten) brauchbare und verwertbare Informationen zu der extrem rechten und neofaschistischen Szene besitzen und liefern. – So auch in Thüringen.

Wir dokumentieren einen Beitrag von 2008, aus dem Archiv des Antifa-Recherche-Team-Thüringen (ARTThur), zu dem extrem rechten Kader Andre Kapke, welcher derzeit verdächtigt wird, neben Ralf Wohlleben und beide aus Jena, als Unterstützer der sog. Gruppe „National- sozialistischer Untergrund“ gewirkt zu haben.

Der 1975 in Jena geborene Andre Kapke war einer der Hauptakteure des militanten Kameradschaftsnetzwerkes „Thüringer Heimatschutzes“ (THS). Mittlerweile ist der mehrfach vorbestrafte Neonazi führendes Mitglied der Freien Kameradschaft „Nationaler Widerstand Jena“ (NWJ) und einer der Organisatoren des europaweiten Nazitreffens „Fest der Völker“. Dabei gilt Kapke als „Mann für’s Grobe“ und stellt nicht gerade eine intellektuelle Bereicherung für die „nationale Bewegung“ dar.

Jugendjahre beim THS

André Kapke ist seit Mitte der 1990er Jahre in der extrem rechten Szene Thüringens aktiv und pflegt seit dieser Zeit besonders enge Kontakte zum NPD-Landesvorsitzenden Ralf Wohlleben. Ebenso wie dieser beteiligte sich Kapke zunächst im militanten Kameradschaftsnetzwerk „Thüringer Heimatschutzes“ (THS) – vormals „Anti-Antifa Ostthüringen“. Nachdem 1992/93 auf Bundesebene das Anti-Antifa-Konzept begründet und mit der Veröffentlichung einer Liste von potentiellen Opfern in der Zeitschrift „Einblick“ in seiner Zielrichtung publik wurde, trat die „Anti-Antifa Ostthüringen“ seit 1994 in Erscheinung. [1] Sie begriff sich als Bestandteil der militanten Neonazi-Szene mit einem Schwerpunkt in der Beobachtung und Bedrohung von Antifaschisten. Andre Kapke betätigte sich unter anderem als Fotograf von NazigegenerInnen. [2] 1996 – ein Jahr nach der Umbenennung der „Anti-Antifa Ostthüringen“ in „Thüringer Heimatschutz“ (THS) – sorgte der Fund von vier funktionsfähigen Rohrbomben bei den drei THS-Mitgliedern Uwe Bönhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe für Aufsehen. Zu den genannten Personen unterhielt Kapke nachweislich Kontakte.Dass jene Bomben wohl auch ihren Einsatz finden sollten, belegte zu dieser Zeit ein Koffer mit Hakenkreuz vor dem Jenaer Theaterhaus: In ihm befand sich ein Sprengsatz. [3] Die drei tatverdächtigen Neonazis entzogen sich durch Flucht der Strafverfolgung.Unterdessen freute sich Kapke über eine neue Verdienstquelle: Mit 23.000 DM Existenzgründungshilfe aus dem Thüringer Sozialministerium begründete sich im November 1997 in Erfurt unter dem Namen „Neues Denken“ ein rechtes Zeitungsprojekt. Sowohl der später als V-Mann enttarnte Thomas Dienel als auch Kapke und ein Aktivist der „Deutschen Volks-Union“ (DVU) arbeiteten in der Redaktion. Das Landesamt für Verfassungsschutz gab sich ahnungslos, erst Medienveröffentlichungen stoppten den Skandal. Angesichts der erhobenen Rückzahlungsforderungen leiteten die extrem rechten Jungunternehmer ein Gesamtvollstreckungsverfahren ein, so dass die Rückforderungen ins Leere liefen. Infolgedessen endete das Kooperationsprojekt des THS, der DVU und Thomas Dienels im Mai 1998.[4]

Vorstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung und Nötigung

Am 10. Oktober des Jahres 1998 marschierten unter der Leitung von André Kapke unangemeldet zirka 50 Nazis aus Jena, Gera, Altenburg und Saalfeld mit dem Motto „gegen Linksterrorismus“ durch Jena. Anschließend versuchten sie das Haus der evangelischen „Jungen Gemeinde“ zu stürmen.[5] Im August 1999 wurden André Kapke und Ralf Wohlleben wegen gemeinschaftlich begangener gefährlicher Körperverletzung und Nötigung von zwei jungen Frauen verurteilt. Zusammen mit etwa einem Dutzend weiterer Neonazis wollten sie die beiden unter Androhung von massiver Gewalt – bis hin zu Mord – dazu zwingen, Namen und Adressen von linken Jugendlichen preiszugeben. Im gleichen Jahr beschlagnahmte die Polizei bei Kapke zudem eine Schreckschusswaffe. Nach zwei Strafverfahren verurteilte ihn die Justiz zu einer Geldstrafe von 8.500 DM. [6]Im Oktober 2000 – nach dem Verbot von „Blood & Honour“ – distanzierte sich der „THS“ offiziell von Kapke und behauptete in einer Pressemitteilung sogar, dass er kein Mitglied der Organisation sei und nie sein werde: „1.) Kapke, Andre: Ablehnungsgrund hier: Strafrechtlich mehrfach in Erscheinung getreten, unangebrachtes äußeres Erscheinungsbild, Heidnische Religionsausübung“.[7] Fünf Monate zuvor fand sich Kapke jedoch noch als offizieller Vertreter des „THS“ im Machwerk des CDU-Manns Reyk Seelas „Jugendlicher Extremismus in der Mitte Deutschlands“.[8]

Bewohner eines rechten Hausprojektes

Gemeinsam mit Maximilian Lemke und Wohlleben bewohnte Kapke seit Herbst 2002 das „Braune Haus“ in der Jenaischen Straße 25 im Jenaer Stadtteil Altlobeda. Als rechtsextremes Wohn- und Schulungsprojekt hat die Immobilie überregionale Bedeutung. Von hier aus griffen mehrere Nazis am 9. November 2002 die TeilnehmerInnen einer Spontandemonstration gegen den Nazitreffpunkt an: Kapke schlug im Laufe der Auseinandersetzung mit einer Eisenstange zu. Das Gerichtsverfahren wegen gefährlicher Körperverletzung gegen ihn wurde gegen Zahlung einer Geldbuße eingestellt.[9] Kapke soll nach seinem Auszug aus der extrem rechten Immobilie zunächst nach Magdala verzogen sein. Ungesicherten Informationen zufolge, unterschrieb er nach dem letzten Landesparteitag der NPD in Fröbitz den Mietvertrag für den NPD-Landesvorstand. Gegenwärtig soll Kapke in Bad Blankenburg aktiv sein, um dort den Wahlkampf zu unterstützen. Laut internen Antifarecherchen organisiert er auch Nazikonzerte in der Region.

Mitorganisator des „Fest der Völker“

Neben Thomas Gerlach („Kampfbund Deutscher Sozialisten“) und Ralf Wohlleben gehört André Kapke zu den Organisatoren des europaweiten, jährlichen Neonazitreffens „Fest der Völker“ in Jena. Bei der Veranstaltung selbst kümmert er sich um den Einlass der anreisenden Nazis – im vergangenem Jahr waren es 1500.[10] Kapke hinderte in seiner Funktion als Organisator einen „Kameraden“ gewaltsam daran den „Hiltergruß“ zu zeigen. [11] Wie im extrem rechten Internetforum Altermedia zu lesen ist, wird er innerhalb der Nazi-Szene dafür kritisiert.[12] Schon während des ersten „Fest der Völker“ im Jahr 2005 fiel Kapke im Zusammenhang mit einer Gewalttat auf: Ausgehend von seinem Wohnsitz im „Braunen Haus“ verletzten 30 mit Baseballschlägern, Latten und Flaschen bewaffneten Nazis vier Studenten. Ein anwesender Zivilpolizist forderte Kapke auf „seine Leute zurückzupfeifen.“ Woraufhin der Nazikader schließlich entschied: „Jetzt ist es genug. Kommt zurück!“ Da er dies nicht ohne schuldhaftes Zögern tat, verurteilte ihn im April 2007 das Jenaer Amtsgericht zu einer Geldstrafe von 150 Euro (15 Tagessätze). Der Polizei gelang es nicht weitere Täter zu belangen.[13]


Quellen:

[1] Infoladen Schwarzes Loch Jena, über die entwicklung des rex. in jena mitte der 80er bis anfang der 90er jahre, http://www.infoladen.de/sljena/start.html
[2] Franka Hessler/Broschüregruppe, Broschüre „… nicht vom Himmel gefallen. Rechtsextremismus in Jena“, Jena 2001, S. 36.
[3] Infoladen Schwarzes Loch Jena, Jenaer Notizen, http://www.infoladen.de/sljena/start.html ; Jungle World, Patriotische Taten, 03. Mai 2000, In: http://www.nadir.org/nadir/periodika/jungle_world/_2000/19/13a.htm
[4] Infoladen Schwarzes Loch Jena, Jenaer Notizen, http://www.infoladen.de/sljena/start.html
[5] Da hilft kein Beten. Anti-Antifa hetzt in Jena gegen einen engagierten Jugendpfarrer. Jungle World, 28. Oktober 1998, http://www.nadir.org/nadir/periodika/jungle_world/_98/44/12c.htm
[6] Infoladen Schwarzes Loch Jena, The Future is Unwritten Nr. 13 MÄRZ/APRIL 2000 Naziaktivitäten 1999 in Jena ; The Future is Unwritten Nr. 10 – AUGUST/SEPTEMBER/OKTOBER 1999 ; Franka Hessler/Broschüregruppe, Broschüre „… nicht vom Himmel gefallen. Rechtsextremismus in Jena“, Jena 2001, S. 36.
[7] Infoladen Schwarzes Loch Jena, The Future is Unwritten Nr. 16, http://www.infoladen.net/il/sljena/future/F16.htm
[8] Heron Verlag/Reyk Seela „Jugendlicher Extremismus mitten in Deutschland – Szenen aus Thüringen“, 2000. Kapke kommt im Film mehrmals als Vertreter des THS zu Wort, u.a. äußert er: „… die Jahre von 33 bis 45: Sicherlich gibts da auch äh äh Sachen, mit denen man sich indentifiziert, also die die man als nich so äh oder die man als positiv sieht, aber da liegt eigentlich nich glaub ich unser hauptgrund drin. Wir sehen unsere politischen Ziele eigentlich eher in der Zukunft.“. Fehler im Original.
[9] Junge Gemeinde Stadtmitte Jena, Rechtsextremismus in Jena, http://test.jg-stadtmitte.de/Joomlajg/index2.php?option=com_content&do_pdf=1&id=61
[10] Max Bauer „Europa wächst zusammen“ Der rechte Rand, Nr. 108, http://www.nadir.org/nadir/periodika/drr/index.php/artikel/108/3?PHPSESSID=cad79920cd8159d3bc65d61d4302f548 ; Fred König, Mit Kosmetik gegen rechts. In: DER RECHTE RAND Nr.95 Juli/Aug. 05, http://www.turnitdown.de/532.html
[11] siehe den Fernsehmitschnitt des MDR, Jena – Fest der Völker 8.09.2007 (MDR) auf http://www.youtube.com/watch?v=VQJYJAMvxEg
[12] Nationaler Widerstand Jena, Aktionsberichte zum „Fest der Völker“ in Jena (10.09.07), http://de.altermedia.info/general/aktionsberichte-zum-fest-der-volker-in-jena-100907_11111.html
[13] jena.antifa.net, Freisprüche wegen Überfalls vor dem „Braunen Haus“, April 23rd, 2007, http://jena.antifa.net/index.php?s=kapke

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Eine Antwort zu Thüringen: Andre Kapke

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