Thüringen: Ralf Wohlleben

Letztens veröffentlichten wir einige Informationen zu Andre Kapke (hier nachlesen), welcher anscheinend gut mit den „NSU“-Mitgliedern vertraut war. Kurz darauf hat der Spiegel einen, wie wir finden, gut recherchierten Artikel zu dem mittlerweile, unter Verdacht der „NSU“ – Mit-/Beihilfe, verhafteten Neo-Nazi-Kader Ralf Wohlleben veröffentlicht. Da sagen wir doch wirklich und ehrlich „Danke!“ und dokumentieren den Artikel an dieser Stelle.

Spiegel-Artikel vom 24. November 2011
Mutmaßlicher Terrorhelfer Wohlleben – Der Agitator

Ralf Wohlleben soll dem Neonazi-Terrortrio beim Untertauchen geholfen haben, er gehörte zum engsten Kreis der „Kameradschaft Jena“ – und war führender NPD-Funktionär. Jetzt haben Fahnder sein Haus durchsucht. Porträt eines radikalen Rechten.

Hamburg – Ralf Wohlleben trägt eine schwarze Lederjacke, schwarze Lederhandschuhe, die schwarzen Haare akkurat gescheitelt. In der rechten Hand hält er ein Mikrofon, in das er brüllt: „Hier marschiert die deutsche Jugend! Hier marschiert die deutsche Jugend!“ Ihm folgen Dutzende, die mit ihm skandieren und Reichskriegsflaggen schwenken. Es ist der 23. März 2002. Wohlleben, Kreisvorsitzender der NPD Jena, führt die Demonstration des „National-Sozialen Aktionsbündnisses Westthüringen“ in Erfurt an.

„Jugendarbeit ist wichtig, Nachwuchs wird immer gebraucht“, sagte Wohlleben damals in einem Interview mit dem ZDF. Im selben Jahr wird er stellvertretender Landesvorsitzender und Pressesprecher der NPD Thüringen. Bis heute gilt er als einer der führenden Neonazis des Bundeslands, aus der Partei soll er vor wenigen Jahren ausgetreten sein.

Die Fahnder halten Wohlleben auch im Fall der Zwickauer Terrorzelle für eine Schlüsselfigur. Der 36-Jährige soll dem Trio in der ersten Zeit nach dem Abtauchen geholfen haben. Beim Verfassungsschutz gibt es noch eine alte Meldung, dass Wohlleben damals den drei Bombenbauern sein Auto überlassen habe, mit dem sie geflüchtet sind. Ob beziehungsweise wie weit er den „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) unterstützt hat, ist noch unklar.

Schon als Teenager ein Rechter

Wohllebens Wohnung in Jena wurde am Donnerstagmorgen durchsucht, er selbst aber nicht festgenommen. Im Gespräch mit der „Ostthüringer Zeitung“ („OTZ“) bestritt er, von den Taten des Trios gewusst zu haben. „Ich glaube auch nicht, dass der Vorwurf des Bundeskriminalamts so weit geht, dass es zu meiner Verhaftung reicht.“ Er gehe zudem davon aus, dass das Bundeskriminalamt zum Fall der Terrorzelle „nicht sehr viel weiß“.

Warum erfolgte die Durchsuchung so spät? Wohlleben sagt, das BKA habe ihn bis Dienstag noch nicht einmal angerufen, berichtet die „OTZ“. Bis zum Mittwochabend habe er keinerlei Kontakt zur Staatsanwaltschaft gehabt.

Wohllebens rechtsextreme Gesinnung festigt sich bereits als Teenager. Er wohnt zeitweise in Winzerla, einem Stadtteil von Jena, ein typisches DDR-Neubauviertel mit einem hohen Anteil rechtsextremer Jugendlicher. 1993 kommt der damals 18-Jährige im Schlepptau des späteren Terroristen Uwe Mundlos regelmäßig in die Jugendeinrichtung Winzerclub – und fällt durch rechtsextreme Agitation auf.

„Wir kamen an die beiden nicht mehr ran und haben überlegt: Wie kriegen wir die raus, oder wie können wir verhindern, dass die hier mit Leuten reden?“, erinnert sich der Jugendsozialarbeiter. Als im Club ein Alkoholverbot erlassen wird, ziehen die Jungnazis ab – und schlagen ihr Lager vor dem Club auf. „Die standen dann ein, zwei Jahre noch jeden Tag vor diesem Haus und haben Leute angepöbelt. Bei Konzerten musste ich immer einen größeren Einlass organisieren, damit wir in der Lage waren, ihnen was entgegenzusetzen.“

Neue Heimat NPD

Wohlleben schließt sich Ende der Neunziger dem „Thüringer Heimatschutz“ (THS) und der „Anti-Antifa Ostthüringen“ an. Mit Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt, Beate Zschäpe, Holger G. und André K. gründet er die „Kameradschaft Jena“. Gemeinsam marschieren sie beim Prozess gegen den Holocaust-Leugner Manfred Roeder 1996 in Erfurt auf und bei Neonazi-Demos in Thüringen. Nach außen hin schottet sich die sechsköpfige Gruppe ab, gibt sich elitär, lässt keine weiteren Mitglieder in die Runde.

Wohlleben gilt in dieser Zeit als zurückhaltend. Einer, der sich nicht duckt, wenn es Randale gibt, aber keiner, der einen Streit anzettelt, sondern sich auf Worte besinnt. Andere Kameraden belächeln ihn anfangs, weil er im Schatten seines Kameraden André K. zu stehen scheint und sich hinter dessen wuchtiger Statur buchstäblich versteckt.

In der NPD findet Wohlleben 1998 Anschluss – und tritt aus dem angeblichen Schatten heraus: Er gründet den Kreisverband Jena mit, wird Vorsitzender, rekrutiert Jugendliche und veranstaltet Treffen, bei denen ihnen die „Friedenspolitik des Dritten Reichs“ näher gebracht werden soll – manche Teilnehmer sind erst zehn Jahre alt.

Im März 2000 werden Wohlleben und André K. wegen gemeinschaftlich begangener gefährlicher Körperverletzung und Nötigung zweier junger Frauen verurteilt. Sie hatten 1999 versucht, von den beiden die Adressen linker Jugendlicher zu erpressen.

Mit André K. und dem rechtsextremen Liedermacher Maximilian L. pachtet Wohlleben 2002 die Gaststätte Zum Löwen in Alt-Lobeda, einem Stadtteil Jenas. Im sogenannten Braunen Haus, einem zweistöckigen Fachwerkhaus mit Schankanlage, hält die NPD ihre Parteitreffen ab, Horst Mahler tritt dort auf, Reisebusse aus anderen Bundesländern laden Kameraden ab. Im Juli 2005 findet hier die Gründung eines „Stützpunkts“ der „Jungen Nationaldemokraten“ statt.

Heute ist das Gebäude von der Baubehörde wegen nicht genehmigter Umbauarbeiten versiegelt, die Fenster zugenagelt, die Szene trifft sich in einem NVA-Zelt im Garten. Auch hier soll es am Donnerstag Durchsuchungen gegeben haben.

Wohlleben fühlt sich als Deutscher „beleidigt“

Als Politiker verbreitet Wohlleben Anfang der Nullerjahre Erklärungen wie diese: „Die NPD strebt zukünftig machtvolle Demonstrationen zusammen mit dem gesamten nationalen Widerstand Deutschlands an. Auf diese Weise soll deutlich gemacht werden, daß wir immer und ständig Gesicht zeigen werden, wenn wir Deutsche beleidigt, angegriffen oder ausgenommen werden sollen.“

Sein Kompagnon André K. schreibt in einer Erklärung, das Deutsche Reich befinde sich seit 1914 im Krieg. „Seine Feinde sind entschlossen, das Reich zu vernichten und das Deutsche Volk auszulöschen. Wir Deutsche als Angegriffene, die zum Reich stehen, haben nur das eine Kriegsziel: die Bewahrung des Deutschen Reiches und des Deutschen Volkes als selbstbeherrschter Staat.“ Der Nationale Widerstand sei sich einig, „daß die ethnische Durchmischung des Deutschen Volkes erzwungen ist, daß unser Volk in der Gefahr ist, das Opfer eines Völkermordes zu werden…“.

In den folgenden Jahren finden unter Wohllebens Ägide Veranstaltungen in Jena statt, die etwa „Fest der Völker – Für ein Europa der Vaterländer“ heißen und bei denen Rechtsextreme aus ganz Europa auftreten wie der Holocaust-Leugner Gottfried Küssel aus Österreich, der rumänische Neofaschist Claudiu Mihutiu, der bekannte Neonazi Constant Kusters aus den Niederlanden und Stephen „Swiny“ Swinfen aus Großbritannien. In Weimar organisiert Wohlleben 2005 den „4. Thüringentag der nationalen Jugend“, bei dem auch Patrick Wieschke von der „Kameradschaft Eisenach“ auftritt. Wieschke wurde verurteilt, weil er andere dazu anstiftete, am 10. August 2000 in Eisenach einen türkischen Imbiss in die Luft zu jagen. Kurz nach der Detonation wurde er nahe dem Tatort festgenommen. Heute ist er stellvertretender Kreisvorsitzender der NPD im Wartburgkreis.

Wohlleben umgibt sich mit den bekannten Rechtsextremen Deutschlands: Mit Gerd Ittner, ehemals führender Aktivist des ausländerfeindlichen Vereins „Bürgerinitiative Ausländerstopp“ in Nürnberg, dem militanten Neonazi Christian Worch aus Hamburg und Peter Borchert, Mitglied der „Autonomen Nationalisten“, aus Norddeutschland.

Wohllebens Tochter heißt Leni

Mit der Bezeichnung Neonazi hat Wohlleben offenbar kein Problem. 2005 antwortet der damalige NPD-Bundestagskandidat auf eine Bürgeranfrage im Internet: „Der Begriff -Neonazi- ist heutzutage durch die systematische Verleumdungskampagne derart negativ besetzt, dass man hier zuerst klar stellen muss, dass -Neonazis- eben keine kriegsliebenden Militaristen sind! Auch keine schlägernden Skinheads, sondern so werden heute alle nationalen und sozialistischen Aktivisten bezeichnet, die sich außerhalb der NPD (und zumeist auch Mitglieder der NPD) in politischen Zusammenhängen oder als Einzelpersonen einsetzen, um einen Wandel in unserem Land zu erreichen.“

Ehemalige Weggefährten erinnern sich an Ralf Wohllebens Hochzeit, eine Feier in mittelalterlichen Kostümen, er selbst trug eine Fellweste über einem weißen Trachthemd und ein Blumengebinde an der roten Samtmütze. Eine gemeinsame Tochter nannte das Paar Leni, angeblich als Hommage an Leni Riefenstahl, die in Hitlers Auftrag die Trilogie über die Reichsparteitage drehte.

Wohlleben gilt in der Szene als „absoluter Rassist mit hohem Gewaltpotential“, sagt ein ehemaliger Kamerad. Sein Ton habe sich in den letzten Jahren verschärft, er hebe sich zwar intellektuell von André K. ab, habe sich aber zunehmend an dessen Umgangston orientiert.

André K. soll seinen Kameraden im Dezember 2008 beispielsweise in einer Mail geschrieben haben: „Nun wollt Ihr dem Mongo sogar einen Listenplatz anbieten???? (…) Hat Voigt gratis Dope für alle LV-Mitglieder gesponsert???? Seid Ihr vom wilden Affen gebissen? Wollen wir jetzt, nur um in den verschissenen Landtag zu kommen und mit diesem Dreckspack abzuhotten, alle Ideale (sofern jemals vorhanden) über Bord werfen?“ Weiter heißt es in dem Pamphlet, man sei „kein Kaninchenzüchterverein“, vielmehr wolle man „eine Weltanschauungsbewegung“ sein.

Wohlleben arbeitet als selbständiger Gestalter von Internetseiten. Er betreut die Server des „Nordthüringer Boten“, der sich selbst als patriotisches Mitteilungsblatt bezeichnet, eine Verlautbarungsplattform der Nationalisten. Er half beim Internetauftritt des „Aktionsbüros Rhein-Neckar“, einem Zusammenschluss von Neonazis, und betreut noch immer den Server des Internetauftritts „Nationaler Widerstand Jena“. Sie ist die Nachfolgeorganisation der „Kameradschaft Jena“, die Wohlleben, André K. und Holger G. einst gründeten – gemeinsam mit den mutmaßlich rechtsextremen Terroristen.

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