Thüringen: Solidarität mit NSU-Verdächtigem

Zeugenaussagen belasten den einflussreichen Jenaer Neonazi Ralf Wohlleben der Mittäterschaft bei der Zwickauer Terrorzelle. Doch die NPD-unabhängigen Kreise lassen ihn nicht fallen. Ein Hintergrund-Artikel vom 09. Januar 2012, von Andrea Röpke, auf Blick nach Rechts.

Ralf Wohlleben ist nicht „irgendein Aktivist“. Der wegen des Verdachts der Unterstützung der Zwickauer Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) inhaftierte Jenaer Neonazi genießt einen bundesweit bekannten Ruf innerhalb der braunen Hardcore-Szene. Insbesondere über seine Verhaftung empören sich zahlreiche Kameraden, wenn auch nicht aus den Reihen der NPD. Die schweigt lieber. Denn der ehemalige führende thüringische NPD-Funktionär Wohlleben – genannt Wolle – steht im Verdacht, den 1998 untergetauchten Bombenbastlern aus den Reihen seiner damaligen Kameradschaft Jena nicht nur finanziell und logistisch geholfen, sondern 2001 oder 2002 sogar eine Schusswaffe besorgt zu haben.

„Westmark“, Chef der „Hammerskin Nation“ aus Ludwigshafen, empört sich im „Thiazi-Forum“ über die Wohlleben belastenden Aussagen des „drogensüchtigen Aussteigers“ und Mitverdächtigen an den Verbrechen der NSU, Holger G. aus dem niedersächsischen Lauenau. „Westmark“ ist wütend, denn „Wolle hockt seit 5 Wochen in U-Haft“, der Anwalt bekomme demnach keine Akteneinsicht und der Haftrichter habe die Gefangenschaft verlängert. „Dieses Scheiss-System ist so etwas von erbärmlich“, motzt der einflussreiche Anführer des konspirativen Konzert– und Musiknetzwerkes.

An die inhaftierten Gesinnungsgenossen erinnern auch Aktivisten des „Freien Netzes“ Saalfeld und Jena, aus deren unmittelbarem politischem Umfeld Wohlleben stammt. Zu Weihnachten und zum Beginn des neuen Jahres sei das, „gerade nach dem Verbot der HNG“ (Hilfsorganisation für nationale Gefangene) durch das Bundesinnenministerium, „wichtiger denn je“. Die thüringischen Neonazis veröffentlichten eine eigene Liste mit den Namen von Straftätern wie unter anderem dem Polizistenmörder Kay Diesner, dem kriminellen „Hammerskin“-Anhänger Sven Krüger aus Jamel, dem Holocaust-Leugner Horst Mahler und dem „Altermedia“-Betreiber Axel Möller. Ihnen solle mit Briefen und Aufmunterungen geholfen werden, die „Zeit der Haft ungebrochen und ungebeugt zu überstehen“.

„Freiheit für Wolle“

Allerdings fehlen in der Liste die Namen der potenziellen NSU-Unterstützer und vor allem der von Ralf Wohlleben. Reine Strategie, wie es scheint. Denn einem empörten Internetleser antwortet „FN Jena“: „Keinesfalls distanzieren wir uns von Ralf, im Gegenteil, aber es liegt nicht in seinem und unserem Interesse, dass derzeit jedermann seine Adresse einsehen kann. Nichts für ungut, aber in der momentanen Situation wird er sicher nicht nur solidarische Post erhalten und das wollen wir vermeiden“. Die Schreiber des Freien Netzes Jena betonen, ihre Solidarität mit Ralf Wohlleben sei auch darauf begründet, dass sie nicht ihn der Beihilfe für schuldig halten würden, sondern „das Regime für inszenierten Terror“.

„Freiheit für Wolle“ hatte bereits kurz nach der Verhaftung im Dezember Wohllebens enger Kamerad Thomas Gerlach, genannt „Ace“ aus Meuselwitz gefordert. Obwohl Gerlach wegen seiner angeblichen Liaison mit Beate Zschäpe aus der NSU-Kerngruppe als auch mit der verdächtigten Helferin Mandy S. selbst ins Visier der Fahnder vom Bundeskriminalamt gerückt sein soll, twitterte der vorbestrafte Neonazi munter drauf los. „Kein Unglück ewig! Wolle halte durch! Wir stehen zusammen… Solidarität!!“

Gerlach forderte sogar eine „Stille Hilfe (zu) organisieren!“ Die nach dem Krieg in Westdeutschland entstandene braune Fluchthilfeorganisation „Stille Hilfe für Kriegsgefangene und Internierte“ hatte nicht nur Anwälte besorgt, NS-Täter betreut, sondern auch mit dafür gesorgt, dass hochbelastete Kriegsverbrecher mit neuen Pässen und Identitäten versorgt ins sichere Ausland geschleust werden konnten.

Beim „Fest der Völker“ tatkräftig geholfen

Gegen das Freie Netz und ihre Aktivisten wie Thomas Gerlach ermittelt inzwischen das Landeskriminalamt Sachsen. Es werde geprüft, inwiefern Straftaten vorlägen, hieß es aus Behördenkreisen.

Der „blick nach rechts“ (bnr.de) berichtete Anfang November über einen internen Forenverkehr, der keinen Zweifel an der Radikalität der Netzstruktur offen ließ. Bereits 2009 beim von Ralf Wohlleben gemeinsam mit Andre Kapke organisierten „Fest der Völker“ in Pößneck hatten die Anführer des „Freien Netzes“ aus mehreren Bundesländern tatkräftig beim Ordnerdienst geholfen. Unabhängig von der NPD waren radikale Strukturen aus Thüringen, Franken, Westsachsen und Sachsen-Anhalt eng zusammengerückt.

Zum engen politischen Kreis um Ralf Wohlleben gehörte auch Holger G., der seit Jahren als Gabelstapler-Fahrer in Niedersachsen arbeitete und sich nun ebenfalls als möglicher Helfer der Zwickauer Terrorzelle in Untersuchungshaft befindet. Als einziger der inhaftierten Rechten soll G. gesprächig sein. Der Neonazi, der seit seinem Umzug zwischen Jena und dem Weserbergland pendelte und auch weiterhin Kontakte hielt, geriet nur ganze drei Tage ins Visier des niedersächsischen Verfassungsschutzes. Das war 1999. Danach verlor man den umtriebigen jungen Mann aus den Augen. Dabei gehörte er zu den Hochzeitsgästen von Thorsten Heise, ehemaliges NPD-Bundesvorstandsmitglied und einflussreicher Musikhändler der Szene. G. beteiligte sich an einer konspirativen Veranstaltung mit ehemaligen „Blood&Honour“-Aktivisten in Hildesheim und marschierte 2005 gemeinsam mit der militanten „Kameradschaft Weserbergland“ um Marcus Winter bei einer Demonstration in Braunschweig mit.

Neonazi-Treffpunkt offiziell unzugänglich

G. wurde dabei von einer jungen JN-Akteurin – genannt Tiffi – aus Jena begleitet. Die blonde Frau mit den zwei Hunden galt als Freundin des engen Wohlleben-Weggefährten und Betreiber des Braunen Hauses in Jena, Maximilian Lemke. Lemke war 2009 bei dem ebenfalls von Wohlleben organisierten „Tag der mitteldeutschen Jugend“ in Arnstadt als „Liedermacher Max“ aufgetreten. Nach Wohllebens Inhaftierung soll sich Lemke um das von den Behörden inzwischen gesperrte „Braune Haus“ im Jenaer Stadtteil Altlobeda kümmern. Zwar ist der Neonazi-Treffpunkt offiziell unzugänglich, doch das Gelände ist weitläufig. Zeitweilig wurden Veranstaltungen in Zelten durchgeführt. Weit sichtbar weht eine schwarz-weiß-rote Fahne, Baumaterialien liegen herum und ein PKW-Anhänger aus Apolda steht im Hinterhof.

Wohlleben kann sich scheinbar auf seine Leute verlassen. Die Netze sind engmaschig geknüpft. Die politische Arbeit geht weiter. Auch das „Freie Netz“ aus Saalfeld um die ehemalige „Mädelring“-Aktivistin Mareike Bielefeld müht sich um Solidarität für nationale Gefangene. Die Thüringerin und ihr Mädelring begleiteten in der Vergangenheit Wohllebens „Feste der Völker“ und 2011 durfte sie als eine der wenigen Frauen auch bei dem von Marcus Winter aus dem Weserbergland organisierten Trauermarsch in Bad Nenndorf eine Rede halten. Man kennt sich zwischen Thüringen und Niedersachsen. Längst teilen die militanten Strukturen auch ihre Kritik an der NPD.

„Wischi-Waschi-Kurs“ der NPD angeprangert

So überwarf sich nicht nur Winter immer wieder mit der Partei, sondern auch Wohlleben und seine Mitstreiter Andre Kapke und Thomas Gerlach. Es wurde Druck ausgeübt, um Einfluss zu gewinnen. Unter der Überschrift „Sauladen beschissener“ beschwerten sich die drei Ende 2008 intern bei der NPD-Landesführung nicht nur über die Auswahl zur Landesliste für anstehende Wahlen sondern auch über Moralvorstellungen und angebliche Bordellbesuche von führenden NPD-Funktionären. Sie prangerten den „Wischi-Waschi-Kurs“ der Partei an und forderten: „Wir sind kein Kaninchenzüchterverein, sondern wir wollen eine Weltanschauungsbewegung sein.“

Obwohl das geheime Schreiben keine Drohung darstellen sollte, wie es hieß, zeigte es die radikale Tendenz der drei Autoren klar auf, die sich ohnehin wenig später offen zum „Freien Netz“ bekannten. Der Kontakt zur NPD blieb jedoch bestehen, vor allem auch über den Landesvorsitzenden Frank Schwerdt, wie es scheint.

Auch den Versuch von Parteianhängern, den bis 2001 für die Szene erfolgreichen „Thüringer Heimatschutz“ (THS) wieder aufleben zu lassen, lehnten Wohlleben und Co. rigoros ab, warnten sogar, so eine Bemühung sei „mehr als kurios“, wenn „nicht sogar auf Anweisung handelnd geschehen“.

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